MIT DER KRAFT DER FARBEN! Im Interview mit Manuela Rathje.

VON ANDRÉ CHAHIL Photo © Juliane Ruesbueldt   Article in english.

Frau Rathje … Sie arbeiten künstlerisch aktiv als Malerin und haben dazu noch ein Atelier für Kunstvermittlung und geben Malkurse. Doch bevor dies alles zum Zentrum Ihres Wirkens wurde, waren Sie beruflich andern Ortes beheimatet. Wie würden Sie die Transformation in Ihrer Biographie beschreiben?

Ich glaube an dieser Stelle passt der Vergleich mit der dicken Hummel gut. Die weiß ja auch nicht, dass sie eigentlich nicht fliegen kann und tut es dennoch. Ich wusste nicht zu was ich alles fähig bin. Konnte ich ja auch nicht. Was für ein Potential in einem Menschen steckt, das ist wirklich unglaublich. Ich habe über die letzten 4 Jahre meiner Arbeit als freischaffende Künstlerin immens gelernt. Es hat mich förmlich überrumpelt, dass meine Bilder sich solch einer Beliebtheit erfreuen und von vielen so geschätzt werden. Ich begreife erst so allmählich die Form der Begeisterung, die ich damit auslöse.

Die Welt der Banken ist nicht sehr kreativ und es geht immer um das eine Ziel, welches erreicht werden muss. Ich glaube das ist zwar zum Teil notwendig, aber nicht sehr menschenfreundlich und innovativ. Ich bin nach meinem ersten Beruf als Bauzeichnerin zur Bank gewechselt – das war 1982 als es eine Baukrise gab. Ich dachte man würde mich dort auf Grund meiner Ausbildung im Segment der Liegenschaften verorten und für die Gebäudeumbauten, etc. meine Expertise in Anspruch nehmen. Stattdessen bin ich sofort in einer Filiale gelandet, in der ich folglich 13 Jahre tätig war. Ich habe dann meine Ausbildung zur Sparkassenfrau nachgeholt, viele interne Weiterbildungen absolviert, habe immer mit Menschen zu tun gehabt und am Ende eine Filiale geleitet, was wiederum die Personalführung mit sich brachte. Und plötzlich nach 28 Jahren … da hat mein Körper gestreikt! Ich wollte es eigentlich nicht sehen, aber es wurde dann so heftig, dass ich über ein Jahr der Arbeit fern blieb. Ich dachte allen Ernstes während dieser Zeit, dass jemand anderes mein Leben lebe, so verwurzelt schien ich mit der Sparkasse. Folglich kündigte ich 2012 und die Ausbildung zur „Atelierista“ stand an, sowie die Gründung meines Ateliers. Mein Mann hat mich die ganze Zeit unterstützt, auch wenn es für ihn nicht immer einfach war. Unser persönliches Umfeld änderte sich und für den Großteil unsere Freunde war ich plötzlich fremd. Was dann auch einige Brüche zur Folge hatte, das tat schon weh. Heute bin ich so dankbar über diese Entwicklung und dem „Fliegen als Hummel“.

Ein Absprung in die Selbständigkeit als aktive Künstlerin und Gestalterin dieser Art erfordert insbesondere viel Mut, Kraft, Fleiß und letzten Endes auch einen Funken Glauben in das eigene Wirken. Hiermit sprechen Sie insbesondere potentielle Künstler/Innen an, die diesen Schritt ebenfalls umsetzen möchten. Haben Sie aus Ihrer Erfahrung wertvolle Ratschläge, die Sie anderen mitgeben könnten?

Ich verbinde gerne Themen, Menschen und ihr Wirken miteinander, mache viele Fort-und Weiterbildung, um mich immer stets weiterzuentwickeln. Ich probiere gerne vielerlei Dinge aus und es tun sich immer wieder neue Pfade auf. Zu Beginn meiner Gründungszeit, man spricht in der Regel von drei Jahren, habe ich viele Veranstaltungen besucht um zu schauen, welche zusätzlichen Säulen ich in meinem Atelier aufnehmen kann. So war ich z.B. 2016 Akteurin auf der Landesgartenschau und auch den Sommer für den Stadtpark Norderstedt als Akteurin für Kunst in der Natur tätig. Dort habe ich Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit gegeben die Wirkung von LandART zu erleben. Im Anschluss gab es dann noch die wirtschaftliche Seite, ein Existenzgründerseminar in Kiel. Obwohl ich überzeugt war, ein solches Seminar aufgrund meiner fast dreißigjährigen Bankerfahrung nicht zu benötigen, habe ich mich dennoch dafür entschieden und es keinesfalls bereut. Es war anstrengend, dennoch lohnenswert. Somit habe ich von Anfang an viel Wissen vermittelt bekommen, welches ich für meine Selbständigkeit heute verwende. Ein gutes Netzwerk habe ich mir über die Jahre ebenfalls aufgebaut und bin immer offen im Umgang mit meinen Teilnehmern im Atelier. Mich erfreut es die Menschen wachsen zu sehen, sie ein Stück weit zu begleiten und mein Wissen weiter geben zu können. Die Menschen spüren die Begeisterung und die Authentizität … ich glaube das ist etwas sehr elementar Wichtiges! 

Ihre Werke und inhaltlichen Sujets sind mit kraftvollen Farben aufgeladen. Woher schöpfen Sie die Quelle der Inspiration? Gibt es hierbei ein zu wiedererkennendes Muster Ihrer Ideenwelt?

Ich lasse mich sehr von der Natur leiten und spüre besonders im Herbst, dass ich u.a. warme Rottöne für meine Kunst bevorzuge. Die Sonne wärmt noch ein wenig und gleichzeitig ist schon ein Hauch der Kühle zu spüren. Genauso ist es mit meinen Bildern. Es ist alles da. Die Kraft, der Aufbruch, das Wärmende, die Ruhe die Sanftheit. Ich liebe den Wechsel der Jahreszeiten und damit auch den Wechsel zwischen dem Aufbruch, die Lebendigkeit der Natur und Zeiten der Ruhe. Was mich ebenso stark beeindruckt sind Städte und deren Architektur. Daher verwende ich mein Fotografien als Collagen in meinen Bildern. Zum Beispiel war ich 2016 in Wolfsburg, Dresden, Berlin und Zürich. Die dort entstandenen Fotografien des Zeithaus (Automobilmuseum) in Wolfsburg finden sich beispielsweise in dem Werk „Karla“ wieder. Die Bilder aus Berlin und Zürich in „Mr. Pepper“ und die Fotos aus Dresden im Werk „Marlene“.

KARLA Mischtechnik in Acryl auf Leinwand, 100 x 100 cm 2016 © Manuela Rathje

En Detail: Ich komme auf das Werk „Blue“ aus diesem Jahr zu sprechen. Wir betrachten im Sujet einen Stier. Dieser schaut den Rezipienten in direkter Weise an. Die weich nuancierten Farbverläufe und die sonst für einen Stier untypisch verwendeten Farben verleihen diesem mächtigem Tier eine besondere Würde. Mit einer expressionistischen Federführung haben Sie diesem Tier eine Aura verliehen, die förmlich von innen heraus spricht. Ich habe das Gefühl, als müsste ich einmal komplett neu über Massentierhaltung und Fleischkonsum nachdenken. Alles Positionen gegenwärtiger Debatten in unserer Gesellschaft. Nehmen Sie hierbei bewusst eine Haltung zur Natur und Nachhaltigkeit ein? Oder führt meine Interpretation rein zufällig auf dieses Thema?

Mir sind Natur und Umwelt, der Mensch und das Tier thematisch wichtig! Wir leben nur als Besucher auf diesem Planeten und daher denke ich, sollten wir alles dafür tun, damit nachfolgende Generationen weiterhin existieren können. Ich möchte mit meinen Bildern bewegen, gar aufrütteln. Gerade wenn es um Menschen, Tiere und Ungerechtigkeiten geht. Eines meiner nächsten Bilder wird ein Eisbär sein, ich warte noch auf die richtige Stimmung, die ich dafür einfangen möchte. Dieser wird dann in referierender Weise als Botschafter für den Klimawandel stehen. 

Bei „Blue“ dem Wisent (europ. Bison) geschah etwas Besonderes, was mir noch nie zuvor beim Malen passiert ist. Zum einen ging mir das Malen so leicht von der Hand, zum anderen hatte ich eine immense Ehrfurcht vor dem Tier. Über die Malerei ein Bewusstsein für die Nachhaltigkeit zu erlangen, ist im Übrigen eines meiner Säulen im Atelier Manou. Mit der Malerei kann ich viel bewegen und dem Betrachter einen anderen Zugang ermöglichen. Wenn der Betrachter über das Bild und deren Inhalte, so wie bei dem Werk „weißes Gold“ über den Elfenbeinhandel, nachdenkt … so habe ich mein Ziel bereits erreicht! Auch meine beiden Bilder für den Themenabend „satt ist nicht genug“ mit Brot für die Welt, Edeka und den Geschmaxpiraten bezüglich Äthiopien, waren thematisch der Nachhaltigkeit adressiert. Dafür habe ich die beiden Kinderbilder „Caven“ und „Tesfaye“ angefertigt. Hierbei ging es unter Anderem um das Thema Wasser. Ebenfalls ein globales und auch für mich persönlich, wichtiges Thema.

BLUE Acryl auf Leinwand, 140 x 100 cm 2017 © Manuela Rathje

Darüber hinaus sind Sie mit Ihren Arbeiten auch im Bereich Charity sehr aktiv. Welche Projekte unterstützen Sie hierbei?

Eines der laufenden Projekte trägt den Titel „Kreative Jugendliche“. Hierbei geht es um Kinder und Jugendliche aus sozialen, sagen wir etwas schwächeren Milieus. Ich finanziere das Projekt ganzjährig durch Bildverkäufe und durch Kunstkalenderaktionen. Der Erlös fließt dem Projekt zu, so kann ich im Laufe des Jahres der Gruppe immer wieder Workshops im Atelier ermöglichen. Dieses Projekt ist daraus entstanden, dass ich an einigen Schulen in Rendsburg für ein Kunstprojekt tätig war. Ich konnte erleben wie die Kinder und Jugendlichen mit Begeisterung diese Kunstprojekte umgesetzt haben. Es gibt Jugendliche, die keinerlei Möglichkeiten haben, einen Raum für die eigene kreative Entfaltung zu finden und häufig scheitert es dann am Budget. So habe ich beispielsweise fünf Jugendliche für ein Workshop in mein Atelier eingeladen. Das zweite Projekt trägt den Titel „ satt ist nicht genug“. Dieses hatte gerade Premiere und ist eine Kooperation mit Hr. Nolte von „Brot für die Welt“, Hr. Hauschildt, der Inhaber zweier Edeka-Märkte und Hr. Bracker von den „Geschmaxpiraten“. Der Erlös aus dieser Kunstauktion mit dem Thema Äthiopien wurde ebenfalls gespendet. Gegenwärtig bin ich auf der Suche nach einem Charity-Projekt, welches meine Beziehung zu Mensch und Tier widerspiegelt.

Themenabend » satt ist nicht genug « zum Thema Nachhaltigkeit in Äthiopien. Versteigerung des Werkes » Mit Zuversicht« (Druck) für ein Frauenprojekt. Manuela Rathje mit Torsten Nolte von „Brot für die Welt“, Edeka-Inhaber Marco Hauschildt und Jan Bracker von „Geschmaxpiraten“ 2017. | Photo © Katja Buhlmann

Farbenlehre, Maltechniken und therapeutische Ansätze. Manchmal ist ein fließender Übergang dieser Begrifflichkeiten in Mal- und Gestaltungskursen gegeben. Die Menschen die zu Ihnen in das „Atelier Manou“ kommen … auf was darf man sich freuen?

Es mir sehr wichtig, dass der Mensch, der zu mir ins Atelier kommt, sich wohl fühlt. In meinen Kursen sind die Gruppen unterschiedlich und jeder wird integriert! Meine Arbeitsweise ist sehr stark durch die Kunstpädagogik geprägt. Dies bedeutet, dass ich sehr Impuls gebend arbeite, Stärken fördere, nicht bewerte und prozessorientiert vorangehe. Jeder Teilnehmer darf und sollte hierbei als Individuum wahrgenommen werden! Häufig ist es nur eine Sache von Mut und des sich Trauens. Begeisterung ist immer ein hilfreicher Motivator und letztendlich ist es wichtig, dass DU dein Bild toll findest und dazu stehen kannst! Denn: was nützt es einen, wenn man immer dem nachgeht, von dem man meint, dass es andere für gut empfinden?! 

Haben Sie eine schöne Anekdote aus Ihrem Leben als Künstlerin für mich?

Vor zwei Jahren habe ich zur Museumsnacht in der Hospizinitiative in Neumünster ausgestellt. Die Finissage zur meiner Ausstellung wurde musikalisch von dem Künstler Rainer Bublitz mit Gesang und Gitarre begleitet. Reiner widmete mir ein Lied, welches vom Maler Vincent van Gogh handelt. Das hat mich sehr berührt. Ich habe ihm versprochen mein nächstes Werk „Vincent“ zu nennen. Durch dieses Werk habe dann den Durchbruch zu meinem eigenen Stil gefunden. Dieses Werk hat mir bis zum heutigen Tage sehr viel Glück beschert!

ATELIER MANOU Mit der Staffelei eine Reise nach Innen. Einblick in den Malkurs von Manuela Rathje | Photo © Manuela Rathje

Wenn Sie Persönlichkeiten aus der klassischen Kunstgeschichte oder bestimmte Werke benennen könnten, die Ihren eigenen Stil mitgeprägt haben. An wen oder an welches Werk sollten wir uns hierbei erinnern?

Es gibt einige Werke die mich in besonderer Weise ansprechen. Wie zum Beispiel „Der Kuss“ von Gustav Klimt oder „Caféterrasse am Abend“ von Vincent van Gogh. Hierbei sprechen mich in erster Linie die Farben an, bei van Gogh ist es die Farbgebung. Es ist die Stimmung und der Pinselduktus, den ich so spannend finde, da dieser so gänzlich kleinteilig ist. Bei Klimt ist es die Komposition aus Portrait und dem dargestellten Gewand, welches aus so vielen einzelnen Elementen zu einem Gesamtwerk komponiert ist. Aus der zeitgenössischen Kunst gefallen mir die farbigen Werke des österreichischen Malers VOKA ausgesprochen gut. Im Kern verhält es sich so, dass ich mir aus jedem Workshop etwas erarbeitet und für meinen eigenen Stil verinnerlicht habe. Denn genau dieser Umstand beschreibt mein Glück, nicht vorgeprägt zu sein. Einen Stil gänzlich zu kopieren empfinde ich persönlich als äußerst uninteressant.

DER KUSS (urspr. „Das Liebespaar“). Gustav Klimt, Öl auf Leinwand, 180 x 180 cm, 1908/1909 | © Sammlung Österreichische Galerie Belvedere, Inv.-Nr. 912.

Was macht die Künstlerin Rathje in 10 Jahren? Wo darf die Reise hingehen?

Was ich in 10 Jahren mache? Malen selbstverständlich! Ich freue mich schon darauf, wie Bilder später aussehen werden, da die Entwicklung nie aufhört. Da sich meine Werke jetzt schon so großer Beliebtheit erfreuen, bin ich gespannt wo ich einmal ausstellen werde. Vielleicht vermehrt im Ausland … Stockholm oder Wien? Ich möchte noch viele Städte bereisen und meine Inspirationen auf die Leinwand bringen. Kurse und Workshops möchte ich ebenfalls weiterhin anbieten. Dies natürlich so lange es mir Spaß macht, ich die Teilnehmer fördere und Sie ein Stück auf Ihrem Weg begleiten kann.

und auf welches kommende Projekt darf sich die Kunstwelt gegenwärtig freuen?

Ich freue mich ganz besonders im Kieler Kaufmann auszustellen. Eines der schönsten Romantik Hotels im gesamten Norden. Da ich eine echte Kieler Sprotte bin, liegt mir die Stadt mit der Nähe zum Wasser sehr am Herzen. Am 07.11.2017 um 18:30h fällt dann der Vorhang: Vernissage zur Ausstellung „Powerfully“.  Es war für mich auch eine Herausforderung, da das Hotel erst von einiger Zeit umgebaut worden ist und die Innenarchitekten eine beeindruckende Arbeit geleistet haben. Das Hotel hat seinen ganz eigenen Charme. Und da dort Traditionelles und Neues im Einklang sind, fügen sich meine Werke in ergänzender Weise an diese Adresse hinein. Jedenfalls hat der Ausstellungsort für mich etwas Besonderes. Und ich weis, dass sich meine Bilder in dieser Umgebung sehr wohl fühlen werden.

Frau Rathje, haben Sie vielen Dank für den intimen und überaus sehr emotionalen Einblick in die Welt ihrer Farben! Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Ausstellung und das sie viele weitere Menschen durch die positive Kraft ihres Wirkens erreichen.

chahil

Andre chahil

Art & Critique | Interviews | Boulevard

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