HAMBURG ANNO 1894 – DIE HEIMKEHRENDEN WERFTARBEITER AUF DER ELBE. REALIST LEOPOLD VON KALCKREUTH UND DIE HAMBURGER KUNSTHALLE.


Der erste Museumsdirektor der Hamburger Kunsthalle zählt zu den Vorreitern der Museumspädagogik. Für seinen Entwurf eines kulturellen Raumes für Hamburger Bürger gewann Alfred Lichtwark ab 1868 bekannte zeitgenössische Maler, die Ansichten der Hansestadt fertigten. Der Realist Leopold von Kalckreuth nahm hierbei einen besonderen Stellenwert ein. Er fertigte für die Kunsthalle ein Werk, dessen Entstehungsgeschichte Lichtwarks Engagement aufzeigt und Historisches über Hamburgs Hafenkultur um 1900 skizziert. 

VON ANDRÉ CHAHIL Photo © Hamburger Kunsthalle

Im Sujet

Ermüdete Werftarbeiter, dicht beisammen gedrängt in Ruderbooten, Gemeinschaften bildend, die nach vollzogener Arbeit heimkehrend von der Werft- und Industrieseite zum Nordufer der Elbe ihre kurzen Stechpaddel in das Wasser tauchen. Am Heck eines jeden Bootes eine stehende Person, die mit einem Ruder das Boot navigiert und zusätzlich antreibt. Es sind fünf Boote gleicher Art auf Hamburgs wichtigstem Handelsweg, die in einem atypischen Rhythmus versetzt zu sehen sind. Dichter Ruß hat sich weit im Hintergrund der Industrie abgesetzt. Weitere Boote und Schiffe der Werften am Horizont, sowie rauchende Schornsteine der Industrieseite sind anmutend, schemenhaft dargestellt. Wir sehen in diesem Bildgegenstand einen Ausschnitt einer Szene, dass sich im Fin de Siècle tagtäglich im Hamburger Hafen abgespielt hat.

„Heimkehrende Werftarbeiter auf der Elbe“ (1894)
Leopold von Kalckreuth, Öl auf Leinwand, 100 cm x 70 cm. Photo © Hamburger Kunsthalle

Die Suche nach Identitäten bleibt vergebens. Leopold von Kalckreuth hat in seinem Werk die dargestellten Personen der Anonymität überlassen. Einzig allein der stehende Navigator im vorderen Boot der linken Bildhälfte bekam ein zu erkennendes Gesicht. Dieser schaut den Maler und somit den Rezipienten in direkter Weise an. Die Elbe und ihre Wellenbewegungen sind mit frei geführten und vereinzelnd sehr langgezogenen Pinselstrichen wiedergegeben. Auffällig sind hierbei die für Wasser untypisch verwendeteten Farben, welche in kontrastreicher Komposition mit starkem Pinselduktus aufgetragen worden sind. Zu erkennen sind kräftige Farbtöne von Grün, Gelb, Lila und Braun. Die schwerbeladenen, bis zum äußersten Rande gefüllten Boote der Arbeiter, wirken geradezu wie eine einheitliche dunkle Masse, die die feinsilbrige Oberfläche des Wassers förmlich schneidet. Nähert man sich dem Werk im Original, so erscheinen einzelne Pinselstriche als kräftige autonom stehende Elemente. Nimmt der Betrachter eine kurze räumliche Distanz ein, verschwimmen die für sich allein stehenden farbigen Elemente zu einer einheitlichen Silhouette eines Flusses in der Abenddämmerung. Die dargestellten Einzelheiten im Sujet sind nicht naturgetreu wiedergegeben, das Zusammenspiel bleibt eine Momentaufnahme. Dem Rezipienten bleibt somit freier Raum zur Wahrnehmung. Zusammengefasst ist es Zeugnis eines Werkes, das die Handschrift eines Realisten trägt, der sich der impressionistischen Malweise bedient.

Details der „Heimkehrenden Werftarbeiter auf der Elbe“ (1894)
Der stehende Navigator mit Blick zum Betrachter. Kräftiger Pinselduktus und verschiedene Farben zu einem realistischem Bild mit impressionistischem Handwerk komponiert. Signatur unten Rechts: „Kalckreuth d.j 94.“ (der jüngere 1894). Photo © Hamburger Kunsthalle

Der Hafenbetrieb um 1900

Im Zeitalter der aufkommenden Industrialisierung verfügte die Hansestadt über einen immensen Schiffbau- und Wartungsbetrieb. Im 19. Jahrhundert gegründete Werften wie Blohm & Voss, Deutsche Werft, H.C. Stülcken Sohn, Howaldtswerke und Vulcanwerft sorgten für eine stetige Zunahme der benötigten Hafen- und Werftarbeiter und eine kulturelle Wandlung des gesamten Hafenbetriebes. Die J.J. Sietas Schiffswerft nimmt eine bedeutende historische Marke ein, da sie die älteste in ganz Deutschland ist. Das in Hamburg Neuenfelde/Cranz verortete Unternehmen datiert ihr Gründungsjahr auf 1635 und belieferte die Hanseregion mit hölzernen Kuttern. Die u.a. bis zu 30 Meter langen gefertigten Boote verfügten über ein ausgeklügeltes Frischhaltesystem, womit gewährleistet werden konnte, dass der Fischmarkt fangfrische Ware erhielt. Das Jahr 1895 markiert eine geschätzte Zahl an 20.000 Werft– und 25.000 Hafenarbeitern. In einem Reiseführer von 1908 romantisierte der norddeutsche Schriftsteller Gustav Falke seine Heroen des Hafentriebes mit eigenem Lokalkolorit:

>> Die Teerjacken, die da von Bord eines jeden Schoners auf euch herabsehen, du siehst sie mit anderen Augen, fast andächtig. Jeder hat nur zwei Fäuste, aber die Gesamtheit dieser Fäuste ist es, die hier täglich diese Riesenarbeit zwingt. Und der Ruß auf ihren Gesichtern, die Ölflecke auf ihren Kleidern, du empfindest sie nicht mehr als Verunreinigung, sie sind dir gleich dem Schweiß auf ihren Stirnen, ein notwendiges Attribut, ein Zeichen ihrer Würde. <<

Kaiarbeiter im Hamburger Hafen um 1900. Das Stückgut wird mit Sackkarren transportiert. Photo © Johann Hamann (1859-1935)

Die ersten Stahlschiffe liefen ebenfalls im 19. Jahrhundert vom Stapel. Den Anstrengungen, eigenhändig in Ruderbooten die Ufer zu bezwingen, nahm mit der Einführung der HADAG-Fähren ab 1888 ein erstes jähes Ende. Bereits 1890 verfügte das Unternehmen über 47 Schiffe und regelte zu einem festgesetzten Fahrpreis von 5 Reichs-Pfennig pro Person je Fahrt den personalen Verkehr des Hafenbetriebes. Der 1911 eingeweihte St. Pauli Elbtunnel ermöglichte es dann jedem Fussgänger unterirdisch die Elbufer zu wechseln und dieses, so der Beschluß des Senates, gänzlich kostenlos. Es waren Bürger der Stadt, Bauern, Arbeiter des Hafens und heimkehrende Werftarbeiter, bis zu zwanzig Millionen gezählte Einheiten im Jahr, die die Elbe mit Hilfe des Tunnels unterqueren konnten, welcher im Jahr seiner Eröffnung weltweit als Meisterleistung der Ingenieurskunst galt. 

 

Der 1911 eingeweihte Elbtunnel von St. Pauli bei den Landungsbrücken ist bis heute ein öffentlicher Verkehrsweg, hat eine Länge von 426,5 Metern und steht seit 2003 unter Denkmalschutz. Der historische Bau ist sowohl innen als auch außen mit allegorischen Verweisen und Reliefs maritimen Charakters ausgeschmückt. Eines der Majolikareliefs referiert in besonderer Weise auf das damalige Hafenleben der Arbeiter (Maße: ca. 77 cm x 31 cm). Photo © Chahil Art Consulting

Lichtwark für Kalckreuth – Ein Museumsdirektor steht zu seinem Freund

Wir wollen nicht ein Museum, das dasteht und wartet, sondern ein Institut, das tätig in die künstlerische Erziehung unserer Bevölkerung eingreift.

(A. Lichtwark)

Zu Lebzeiten des Malers und Graphikers Leopold von Kalckreuth war Alfred Lichtwark der erste Museumsdirektor der Hamburger Kunsthalle. Dieser Satz, welchen er zu seinem Amtsantritt 1886 verkündete, prägt zugleich seine Haltung mit der er als Museumsdirektor und wegweisender Museumspädagoge seiner Tätigkeit im Umgang mit der Kunst nachging. Bei der Realisierung seiner Vorstellung von einem modernen Museum, in welchem man den Besucher mit pädagogischen und unterhaltsamen Mitteln durch die Hallen führen konnte, musste Lichtwark in Etappen vorgehen. An erster Stelle galt es den Sammlungsbestand der Hamburger Kunsthalle neu zu definieren, da das Museum seit seiner Eröffnung 1869 keiner konzeptionellen Leitung unterlag. Ferner war der Sammlungsbestand, welcher hauptsächlich aus Vermächtnissen und Stiftungen Adliger bestand, in den Augen Lichtwarks geradezu ungeeignet für die neue Kunsthalle, die nach seinen Vorstellungen von allen bürgerlichen Schichten besucht werden sollte.

Alfred Lichtwark (1852-1914)
In einem Portrait von Leopold Karl Walter Graf von Kalckreuth, Öl auf Leinwand, 99 cm x 86 cm, 1912. Photo © Hamburger Kunsthalle

Lichtwark erkannte sehr früh, dass für die Erreichung seines Ziels, ein Museum pädagogischen Charakters zu schaffen, es unabdingbar war, dass die Besucher ihre gewohnten Seherfahrungen mit den Erfahrungen, die sie als Besucher in der Kunsthalle einnehmen würden, verschmelzen müssten. Lichtwark verinnerlichte: wenn Kunst und deren Inhalte, sich mit den kulturellen Erfahrungen des Betrachters identifizieren lassen, wird der Dialog zwischen einem pädagogisch orientiertem Museum und seinen Besuchern erst gerecht. Aus diesem Vorhaben formte sich die Idee, Kunst aus Hamburg für Hamburg zu schaffen – Kunstwerke in Auftrag zu geben und diese in der Kunsthalle in einem neuartigen Kontext zusammenzutragen. Für dieses Projekt, welches folglich den Titel „Hamburger Ansichten und Portraits“ – eine Sammlung von Bildern aus Hamburg – trug, gewann Lichtwark namhafte Künstler jener Zeit. Darunter sind Maler wie Max Liebermann, Thomas Herbst, Ascan Lutteroth, Gotthard Kühl und Hans Hermann. Bekannte Persönlichkeiten wie Gustav Klimt, Max Klinger und Ferdinand Hodler blieben dieser Einladung wiederum fern. Zeitgleich warb Lichtwark auch Kalckreuth an und bat ihn nach Hamburg zu kommen um Motive für den Sammlungsbestand anzufertigen.


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Kalckreuth willigte postalisch ein, wenn die Bedingung erfüllt werde, eines von zwei Bildern anzukaufen. Im Sommer 1894 besuchte er die Hafenstadt und fertigte zwei Elb-Ansichten in Öl auf Leinwand. Neben dem Sujet mit den Werftarbeitern wurde auch das Werk „Dückdalben im Hamburger Hafen“ der damaligen Kommission vorgelegt, welche für den Entscheid der Ankäufe und Ausrichtung der Ausstellungen der Kunsthalle tätig war und sich eindeutig für die Dückdalben entschied. Dieses Ergebnis entsprach nicht dem persönlichen Geschmack Lichtwarks. Aus privater Sicht hätte er beide Werke erstanden, favorisierte dennoch die Werftarbeiter. Der mögliche Grund hierfür war, dass die Besucher sich mit den dargestellten Arbeitern und dem Hafenleben stärker identifizieren und zu einem Dialog hätten anregen lassen können. Ganz im Sinne Lichtwarks Anliegen eines modernen Museums pädagogischen Charakters. Die Freundschaft zum Künstler intensivierte sich und 1901 überzeugte der Direktor schlussendlich die Kommission zu einer erneuten Abstimmung, mit dem Ergebnis des Ankaufes des zuvor abgelehnten Werkes. Diese Entscheidung wurde unter anderem durch einen pragmatischen finanziellen Hintergrund gefällt. Aus Dokumenten geht hervor, dass Lichtwark in dieser Zeit durch die Hinterlassenschaft des Ehemannes einer engen Bekanntin 6000 kaiserliche Goldmark erhielt, die er für Bildankäufe zur Verfügung stellte. Für sein favorisiertes Werk investierte Lichtwark 1500 Goldmark. Laut dem Hamburger Staatsarchiv und dem Statistischem Bundesamt entspräche es gegenwärtig einer ungefähren Summe von 9000 Euro. 

Liebster Kalckreuth,

wir haben heute Sitzung gehabt. Die Kommission hat jetzt das 1894 von den Künstlern noch nicht begriffene Hafenbild mit den Arbeitern auf meinen erneuten Vorschlag einstimmig erworben. Ich freu mich sehr dazu, obwohl ich es heute schon nicht anders erwartet hatte. Soll ich Dir den Betrag (1500 Goldmark) nach Stuttgart senden? (…) Mit herzlichem Gruß von Haus zu Haus

 Dein Lichtwark 

(A. Lichtwark, Brief vom 23.11.1901)

Sechs Jahre nach diesem Ankauf lies sich Kalckreuth nach mehrfacher Aufforderung Lichtwarks auf dem Gut Eddelsen bei Seevetal in Niedersachsen vor den Toren Hamburgs nieder. Carlos Grethe, befreundeter Weggefährte Kalckreuths jener Zeit fertigte 1898 ein Werk, welches den Titel „Heimkehrende Werftarbeiter im Hamburger Hafen“ trägt und sich somit ähnlichem Bildinhalts bedient. Auch Lichtwark bemühte sich bereits vor 1900 Grethe für seine Sammlung zu gewinnen, was ebenfalls aus Kostengründen erst ab 1903 realisiert werden konnte. Bis 1913 erwarb die Kunsthalle insgesamt 15 Werke mit Motiven von Portraits, Hafen- und Elbansichten aus Kalckreuths Oeuvre. Der Künstler und der Museumsdirektor führten bis zu Ihrem Ableben eine enge, familiäre Freundschaft.

Leopold von Kalckreuth (1855-1928)

Bereits Zeitgenossen bezeichneten den Maler als „Realist von feinstem Wasser“. Geboren unter dem von schlesischem Adelsgeschlecht stammendem Namen Leopold Karl Walter Graf von Kalckreuth, am 15. Mai 1855 in Düsseldorf, besuchte er von 1863 bis 1866 die Schule in Keilhau im Freistaat Thüringen. Das Studium führte ihn von Weimar nach München, wo er durch die Freundschaft zu Franz von Lenbach Anregungen zu seinem eigenem Schaffen gewann. Ab 1895 lehrte er an der Weimarer Malerschule sowie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Sein Oeuvre umfasst in erster Linie Portrait-, Genre– und Landschaftsmalerei. Seine Motive und sein Malstil sind überwiegend dem Realismus mit impressionistischem Anteil zuzuordnen. Lichtwark reihte ihn aufgrund seiner Qualitäten bereits zu Lebzeiten als direkten Nachfolger des Romantikers Philipp Otto Runge ein.

Leopold Karl Walter Graf von Kalckreuth (1855-1928), Portrait vor 1916. Photo © Jacob Hilsdorf (1872-1916)

Sein Engagement und Talent stellte der Realist auch außerhalb seines Ateliers unter Beweis. Im Jahr 1908 gehörte er den Gründungsmitgliedern des Künstlerbundes Schlesien an, die sich bis zu ihrer Auflösung 1936 um die Pflege und Förderung der Kunst in Schlesien, die Befreiung der Künstler Schlesiens aus der Isolierung und ihre Förderung bemühten. Ab 1914 gesellte er sich zu den Unterzeichnern des umstrittenen Manifests der 93 – einer interlektuellen Bewegung, die die Vorwürfe der Kriegsgegner des 1. Weltkrieges gegen Deutschlands kritisierten. Die Auszeichnung und Mitgliedschaft des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste in Bonn erlang er 1926. Den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst erhielt er 1927 und bis zu seinem Ableben war er ebenfalls Mitglied im Hamburger Künstler-Verein. Kalckreuth reiht sich in die Liste derer Künstlern ein, die im 19. Jahrhundert im Aufbruch zur Modernen durch ihr Wirken im deutschen Raum, zum künstlerischen Dialog beitrugen. 

 
QUELLEN & LITERATUREMPFEHLUNGEN
Doede, Werner / „Die Berliner Secession“ / Verlag Ullstein / Frankfurt Main, 1977 | Falke, Gustav / Hamburg, ein Reiseführer, 1908 | v. Kalckreuth, Johannes / „Wesen und Werk meines Vaters – Lebensbild des Malers | Graf Leopold von Kalckreuth“ / Verlag Christians / Hamburg, 1967 | Lichtwark, Alfred / „Briefe an Leopold Graf von Kalckreuth“ / Hrsg.: Schellenberg, Carl / Verlag Christian Wegner / Hamburg, 1957 | Luckhardt, Ulrich / „Alfred Lichtwarks Sammlung von Bildern aus Hamburg“ / Verlag Girzig & Gottschalk / Bremen, 2002 | Scheidig, Walther / „Die Geschichte der Weimarer Malerschule“ / Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger / Weimar, 1971 | Scheffler, Karl / „Auswahl seiner Essays 1905 – 1950“ / Verlag Dr. Ernst Hauswedell & Co / Hamburg, 1969 | Katalog / „Kunst ins Leben – Alfred Lichtwarks Wirken für die Kunsthalle und Hamburg von 1886 – 1914“ / Hamburger Kunsthalle, 1986 | Katalog / „Seestücke“ – Hamburger Kunsthalle / Verlag Pastell / München, 2005 | Katalog / „Hamburger Ansichten – Maler sehen die Stadt“ / Wienand Verlag / Köln, 2009.
chahil

Andre chahil

Art & Critique | Interviews | Boulevard

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