EINBLICKE! SAMMLUNG NEUBACHER | HAMBURG. „Die Heimat ist nicht das Land, sie ist die Gemeinschaft der Gefühle.“


Sie kuratieren Museen, betreiben Galerien, sammeln mit großer Leidenschaft und haben ihr Wirken in der Welt der Kunst. Die Reihe EINBLICKE! gewährt Zugänge zu Sammlungen, Stätten der Kultur und portraitiert Persönlichkeiten des internationalen Kunstbetriebes.

Im Interview mit Hubert Neubacher.

VON ANDRÉ CHAHIL Photo © Chahil Art Consulting   Article in english.

Herr Neubacher, können Sie sich noch an das erste selbst erworbene Kunstwerk erinnern, welches zu Ihrer Sammlung gehört?

Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Ungefähr vor 10 Jahren, ein Pop-Art Werk von Nico Vogel über die Millerntor Gallery in Hamburg. Ein Charity-Event für Viva Con Agua. Ich gehöre zur frühen Käufergeneration dieser Adresse. Den Inhabern zur Folge, sogar der erste Käufer der Gallery. Das war damals eine Veranstaltung, die zunächst ins Stocken geriet. Ich habe dann mit einer klaren Ansage den Zuschlag für das Kunstwerk erhalten … zur Freude aller Beteiligten.

Gibt es ein Schlüsselwerk, welches Sie dazu inspiriert hat, aus einem Hobby eine Sammlung entstehen zu lassen?

Das wirkliche Sammeln begann zu einem Zeitpunkt, als das nötige Kleingeld für höherpreisige Kunst vorhanden war. Werke von James Rizzi oder Romeo Britto waren schon immer in meinem Fokus … und irgendwann war es mir auch möglich, diese für meine Sammlung zu erwerben. Dem Medium Photographie war ich anfänglich verhalten gegenüber, da ich ein Freund von Unikaten bin. Und für die gesammelten Werke, die einfach nur gelagert wurden, wurde schlußendlich eine Räumlichkeit gestaltet. Ein privater Raum, der den Werken gerecht wird.

Das Genre Ihrer Sammlung? Gibt es hierbei eine Spezialisierung oder einen Wiedererkennungswert … ein roter Faden?

Es hat mit Pop-Art begonnen und bewegt sich unterkategoriell in verschiedenen Richtungen dieses Genres. Mich interessieren insbesondere jüngere, zeitgenössische Künstler aus Deutschland. Koons interessiert mich. Den kann man mögen oder nicht. Ich mag ihn!

Dieser Eingrenzung kann ich zustimmen. Wenn ich Ihre Sammlung betrachte entdecke ich weder Malerei der italienischen Renaissance, noch Werke des französischen Klassizismus. Aktueller Neuzugang Ihrer Sammlung ist … ?

ein Werk von Mr. Brainwash.

Die zeitgenössische Kunstwelt, besonders in der Szene des Street-Art, war nach der Veröffentlichung des Dokumentarfilms „Exit Through the Gift Shop“ aus dem Jahr 2010, im Wesen und Wirken um „Banksy“ bereichert. Es ist eine Geschichte über Kleinkriminalität, künstlerischer Verbundenheit und über die Inkompetenz von Thierry Guetta, alias Mr. Brainwash. Banksy verhalf ihm mit diesem Film zum Ruhm. Ein Mr. Brainwash in einer Pop-Art Sammlung zu verzeichnen ist durchaus gut gewählt. Es ist inhaltlich mehrfach zitierte Pop-Art Kultur innerhalb eines Mediums …

 erworben in London, in einer renommierten Galerie, die sich mit Pop-Art und insbesondere mit diesem Künstler auseinandersetzt.

Aktueller Neuzugang der Sammlung, aus der Serie „Chaplin“. Ein Werk des Street- und Pop-Art Künstlers Mr. Brainwash, dem BANKSY mittels der Dokumentation „Exit Through the Gift Shop“ 2010 zu weltweitem Ruhm verhalf. Photo © Chahil Art Consulting

Wenn wir einen Exkurs in die klassische Kunstgeschichte wagen, wofür können Sie sich begeistern?

Ich muss Ihnen mitteilen, dass ich mich damit (noch) nicht befasse. Ich konzentriere mich auf das Hier und Jetzt und was mich anspricht. Ein Konsument in der absoluten, direkten Gegenwart.

Dabei kann es für einen Sammler sehr befreiend sein, wenn man der Kunstwelt unbefangen, ohne Zitate – und somit manchmal auch meinungsbildenden Verweisen – entgegenstrebt. Ihre noch recht junge Sammlung ist im Entstehen und somit noch offen für Impulse, die für die Zukunft richtungsweisend sein können.

Ja, so ist es. Meine Sammlung ist gegenwärtig rein privater Natur, was damit einmal passiert und wohin die Reise geht, steht noch in den Sternen. Dem weiteren Verlauf bin ich dennoch sehr offen gegenüber.

Erlauben Sie mir ein Zitat: „Die Heimat ist nicht das Land, sie ist die Gemeinschaft der Gefühle.“ In Versalien eingebettet, ist dieser Satz in vier Sprachen in das Plateau zwischen dem Ungers Bau, der Galerie der Gegenwart und dem Altbau der Hamburger Kunsthalle zu lesen. Ein Kunstprojekt von I. H. Finlay aus dem Jahr 1996, in Anlehnung an ein Schriftsatz des Politikers Antoine des Saint-Just aus der Zeit der französischen Revolution. In wenigen einfachen Worten wird hiermit ein Gefühl ausgedrückt, welches u.a. Künstler seit jeher suchen. Einen Ort des verstanden werdens, einen der (künstlerischen) Freiheit, des Friedens. Ferner, einen der Akzeptanz. Herr Neubacher, Sie stammen ursprünglich aus Österreich und haben sich in der rauen Härte des Hamburger Hafenbetriebes durchsetzen müssen und sind heute über alle Stadttore hinaus etabliert. Mit Ihrem Unternehmen „Barkassen-Meyer“ welches seit 1919 besteht und dessen Nachfolge Sie angetreten haben, sind Sie in kreativer Weise wirtschaftlich aktiv. Sie engagieren sich für soziale Projekte, sind in diversen Verbänden vertreten und unterstützen Stiftungen. Sie engagieren sich für Künstler und lassen darüber hinaus noch ihre Schiffsflotte bemalen. Ich halte es nach Seneca, wie war dieser steinige Weg zu den Sternen? Fühlen Sie sich, wie in diesem Zitat ausgedrückt, beheimatet und verstanden?

La patrie n’est pas le sol, elle est la communaute des affections.

Louis Antoine Saint-Just (1767-1794)

Mich hat es in die weite Welt hinausgezogen, weg aus meiner eigentlichen Heimat. In Lech am Arlberg mit einer Ausbildung in einem 5* Hotel zum Restaurantfachmann begonnen, über Norderney nach Bremen und dann beruflich nach Hamburg. Damals mit 19 jungen Jahren. Die Hamburger Adresse, in der ich tätig war, belieferte Barkassen-Meyer mit Waren, die suchten weitere Arbeitskräfte und ich war zur selbigen Zeit in einer Phase der beruflichen Umorientierung. Ich wurde dann der Assistent der damaligen Geschäftsführung und meine Lehrjahre nahmen ihren Lauf. Es gab Menschen im Hafenbetrieb, die konnten mit mir als jungem Österreicher wenig anfangen. Manchmal wurde auch das „Du“ kategorisch abgelehnt. Die wollten sehen, wie sich das mit mir entwickelt. Hat man das liebevolle „Dorf an den Landungsbrücken“ erst einmal verstanden, so wird man Teil dessen. Und es gehören viele dazu. Von den Alteingesessenen, den Touristen, den Geschäften, vom Postboten bis zum Azubi. Eine eigene Infrastruktur und alle im Miteinander. Begegnet man den Individuen auf Augenhöhe, zollt ihnen Respekt und Gehör, so verschafft man sich einen Zugang. Einen Umgang, den ich tagtäglich lebe und der mich prägt. Für mich eine Grundhaltung. Ich habe mich stets darauf fokussiert einen guten Job zu machen und mich den älteren „Seebären“ des Hafenbetriebes untergeordnet. Ich wollte von ihnen lernen, schaute zu jenen hinauf, die bereits eine Lebensleistung zu verzeichnen hatten. Auch wenn es, rückblickend betrachtet, nicht immer einfach war, verbuche ich diese als wertvolle Zeit. Zu einem bestimmten Zeitpunkt war dann die Nachfolge des Unternehmens nicht geklärt. Für mich bot sich die Gelegenheit und heute bin ich dabei, diesem Gewerbe ein neues, moderneres Gesicht zu geben. Denn für die Hamburger war die Barkasse immer da, eine ergraute Hamburgensie. Nun gilt es in dieser Branche Innovatives zu gestalten. Nach diesem Werdegang entfalte ich mich nun in meiner Aufgabe, fühle mich akzeptiert. Wie in diesem schönen Zitat von Ihnen, angekommen. Hamburg ist meine neue Heimat.

 

„Koons interessiert mich. Den kann man mögen oder nicht, ich mag ihn!“ (H. Neubacher). Skulptur „Radial Champs“ von Jeff Koons, in Anlehnung an das Lebenswerk von Muhammad Ali. Buch mit Objekten/GOAT Champ´s Edition/Auflage 1.000 Photo © TASCHEN VERLAG

Herr Neubacher, was darf und sollte Kunst mit uns tun?

In erster Linie Freude bereiten und anregen. Um auf meine Position zurückzukommen sage ich Ihnen, dass ich kein reiner Portfolio-Sammler bin. Wenn eine Wertsteigerung stattfindet, so ist es immer wünschenswert. Doch für mich kein Kriterium. Das Sammeln von Namen und Werten ist nicht mein primäres Ziel. Ich kaufe das, was mich anspricht. Die Auseinandersetzung mit der Kunst ist für mich eine Erfrischung des Geistes. Meine mentale Leistungsfähigkeit wird regeneriert und ich schöpfe hieraus neue Ideen.

Um es auf eine Metaebene zu transferieren, Impulse für den kreativen und richtungsweisenden Umgang mit ihrem Unternehmen. Türen öffnen und Felder beschreiten, die für Sie neu sind?

Exakt. Und immer wieder offen für das Neue sein. Sie müssen verstehen, dass ich seit über 20 Jahren im Unternehmerischen tätig bin, habe permanent Personal um mich herum, muss mich mit betriebswirtschaftlichen Fragen auseinandersetzen. Dabei geht im Alltag manchmal die Leichtigkeit verloren. Die Beschäftigung mit der Kunst, insbesondere auch mit der Musik, empfinde ich als Erholung. Die Menschen aus diesem kreativem Umfeld haben häufig einen ganz anderen Lebensansatz. Ich mag mich gerne in dieses Umfeld begeben, da es wie ein positiver Stimulus auf mich einwirkt.

Des weiteren … und das wird auch so gelebt, ist die Auseinandersetzung mit kulturellen Fragen ein wichtiger Bestandteil meiner, unserer Firmenphilosophie. Meine Mitarbeiter wissen dies zu schätzen! Es wirkt sich positiv auf das betriebliche Klima aus. Sie bekommen beispielsweise mit, wie viel Planung und Umsetzung es bedarf, bis ein Schiff künstlerisch gestaltet wird. Dafür braucht es Offenheit und meine Mitarbeiter werden Teil des Ganzen. Passend formuliert: Meine Mitarbeiter sind immer mit an Bord.

Integration kreativer Impulse in das zukunftsweisende Unternehmenskonzept von BARKASSEN-MEYER.
Kunstsammler Neubacher vor einer Arbeit aus dem Atelier (Ausschnitt) der Berliner Künstlerin JULIA BENZ, die u.a. 2014 die „Lütte Deern“ ausgestaltete. Weitere Kunst-Barkassen gehören zum festen Bestandteil der Schiffsflotte des Unternehmens, welches seine Gründung auf das Jahr 1919 datiert. Photos © Chahil Art Consulting Barkassen-Meyer

Sie sind ein gern gesehener Gast auf Vernissagen und Ausstellungen. Man hat Sie als Kunstsammler wahrgenommen. Wenn Sie hinsichtlich des Kunstmarktes etwas zu kritisieren hätten …?

Wenn mich etwas stört, dann ist es die Menge. In den Jahren hat es einen immensen Zuwachs an künstlerischem Output gegeben. Ich spreche von meiner eigenen Wahrnehmung und dem Standort Hamburg. Einfach ausgedrückt, es wird mir häufig zu viel! Zu viel Kunst auf wenigen Quadratmetern. Sowohl der Genuss an der Kunst, als auch die feine Selektion geraten hierbei in Mitleidenschaft. Wenn ich beispielsweise die jährliche Affordable Art Fair besuche, die ich vom Konzept Klasse finde, bin ich bereits beim zweiten Gang erschöpft. Eine Reizüberflutung. Gleiches gilt zeitweise auch für die Galerien.

Ihre Top 3 Museen, die Sie gerne besuchen?

Die Tate Modern in London, die ich vor kurzer Zeit besuchte. Die Deichtorhallen mit dem Haus der Photographie in Hamburg und immer wieder die Hamburger Kunsthalle.

Ihre Top 3 Galerien?

Momentan, ohne Wertung der Reihe nach, die Affenfaust Galerie Hamburg, Art Galerie Richter Berlin und Galerie Walentowski Hamburg.

Angenommen eine Schulklasse wird in 100 Jahren eine öffentliche „Sammlung Neubacher“ besuchen und durch die Räume geführt. Mit welchem Gefühl sollte die junge Generation die Räume wieder verlassen? Wir hinterlassen einmal Spuren unseres Lebens und Wirkens, welche würden Sie für sich wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass gegenüber dem Leben eine Offenheit und Toleranz verinnerlicht wird, dass jeder sein „eigenes Ding“ machen kann ohne sich von anderen etwas vorschreiben zu lassen. Wünschen, dass es sich lohnt daran zu arbeiten, persönliche Unsicherheiten abzulegen. Das aus Meinungsverschiedenheiten oder Streitigkeiten, auch ein konstruktiver Diskurs entstehen kann. Einen Diskurs, ähnlich wie man ihn in der Auseinandersetzung mit der Kunst durchlebt.

Herr Neubacher, ich danke für den emotionalen Einblick in Ihre Welt der Kunst.

Ich danke Ihnen. Ich fühle mich geehrt eine Unterhaltung dieser Form, über meine Empfindungen mit der Kunst, geführt zu haben.

chahil

Andre chahil

Art & Critique | Interviews | Boulevard

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