Der Mythos will verwaltet werden – Erinnerungen an vier Bayreuther Festspielsommer

Vom Mythos Richard Wagners und dem Nimbus seiner Nachfahren – das Oeuvre eines Großmeisters zu beerben. Die Fotografin Arve Dinda erinnert an vier Jahre ihres Wirkens als offizielle Festspielfotografin der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth.  

VON ARVE DINDA | Photo © Corinna Weih / Bayreuth Tourismus

In Christian Thielemanns 2012 erschienenen Wagner-Erinnerungen kann man eindrucksvoll lesen, mit welch gemischten Gefühlen ein heute weltweit umjubelter Maestro beim Bayreuth-Debüt erstmals den Hügel hinauffuhr. Meine erste Ankunft als frisch aus Hamburg engagierte Festspielfotografin im Jahr 2001 war von eindeutig schmerzlicheren Empfindungen geprägt: Nach sechs Stunden Autofahrt wie im Rausch und ohne jede Pause zwang sich mir nach dem Aussteigen auf dem Festspielparkplatz der dramatische Drang nach einem raschen Aufsuchen der Waschräume auf. Kaum hatte ich die Tür des Mitarbeitereingangs aufgestoßen, fragte ich also die erste Person, die ich erblickte, nach dem kürzesten Weg. Die junge blonde Frau zeigte in einen Gang, begleitete mich dann in fraulicher Solidarität sogar umstandslos zur richtigen Tür. Einen Tag später wurde sie mir beim offiziellen Rundgang durch das Festspielhaus, meinem neuen Arbeitsplatz, als Katharina Wagner, Tochter des Festspielchefs, vorgestellt.

Die erste Lektion hatte ich gelernt: Die Wagners weisen hier den Weg. Man kann unkompliziert mit ihnen umgehen. Aber man muss auch überall in ihrem Familienbetrieb mit ihnen rechnen. 

Wunderbare Wagner-Inszenierungen kann man das ganze Jahr sehen, in Amsterdam, Berlin oder Chicago. Weder Richard Wagner noch seine Nachfahren hätten das bedauert, oder darauf gepocht, sein Oeuvre dürfe nur in Bayreuth zur Aufführung gebracht werden. Den Mythos Bayreuth hat die ungebrochene globale Spielplanpräsenz nicht erschüttert. Im Gegenteil wird dadurch noch deutlicher, dass Bayreuth etwas besonderes, einzigartiges ist. Das mag zum einen am speziellen Klang des Hauses liegen, an dem Dirigenten wie Christian Thielemann in Proben filigran feilen. Der Griff zum antiquierten Telefonhörer im Orchestergraben, der ständige Rücksprache mit dem musikalischen Assistenten im Zuschauerraum erlaubt, ließ mich anfangs unwillkürlich annehmen, Thielemann rufe in Wahrheit bei Richard Wagner an: „Stimmen die Tempi? Sind die Bläser nicht zu laut?“ Wo sonst als hier könnte man für einen Moment glauben, der erste Hausherr habe noch eine niemals abgeklemmte Durchwahl im Telefonsystem des Festspielhauses? 

Richard Wagner (1813-1883) | Photo, München 1871 © Franz Hanfstaengl 

Für Regisseure ist die Annäherung an den Mythos freilich noch riskanter. Dass sie hier nur ein einziges Mal ihre Visitenkarte abgeben und Wagner in Szene setzen dürfen – während die Familienmitglieder mit dem genetisch gegebenem Genie der Mythosverwalter immer wieder die Bühne bespielen – lässt manchen anderswo abgebrüht oder dogmatisch auftretenden Regisseur hier unvermittelt zögern und zaudern.

Der Filmregisseur Lars von Trier, dem man den Ring für die Festspiele 2006 angetragen hatte, war bei Bühnenbauproben 2004 so berührt von der Aura des Hauses, aber zugleich offenbar so herausgefordert von der Aufgabe, dass er endlich beschloss, sich eine ganze Nacht lang im Festspielhaus einschließen zu lassen. Er suchte die Nähe, wohl auch eine spirituelle Verbindung zum Genius loci, wollte vielleicht die Bühnenluft einatmen wie schöpferischen Odem, ehe er es wieder mit dem Werk aufnahm. Ein Mitarbeiter der Technik mit Gespür für ‚Große Oper’ gab mir den heißen Tipp, mich mit meiner Kamera abends auf dem Schnürboden einzufinden – mein liebster Platz, um Dinge zu sehen, die nicht fürs Publikum gedacht sind. 

Von Trier nahm also mittig auf dem Bühnenboden Platz und ließ sich von oben mit einem präzis platzierten Lichtkegel umleuchten. Sodann verließen die letzten Mitarbeiter die Hinterbühne, die Beleuchter machten Feierabend, das Haus wurde hörbar verschlossen. Leider ging mir, die ich das Gebäude bis jetzt entweder bei Aufführungen oder im menschenreichen Gewusel von Proben oder dem Auf- und Abbau der Bühnenbildes erlebt hatte, erst jetzt auf, wie unfassbar still es in diesem Haus sein konnte. Das Bild, das sich mir von oben bot, ist für mich für immer unvergesslich, aber ich konnte den Auslöser nicht betätigen. Einerseits aus schierem Respekt vor der Intimität des Anblicks, andererseits aus ganz praktischen Erwägungen: Ein Klicken meiner analogen Kamera hätte die Stille zerrissen, von Triers Meditation unwiederbringlich zerstört. Und die Coolness, dann aus dem off das Phantom der Oper zu improvisieren: „Lieber Lars, Cosima kommuniziert konkret: Du bist auf einem wahrlich veritablen Wege! Schmiede Dir den Ring!“ – diese Coolness entwickelt man wohl erst aus der sicheren Rückschau. Stattdessen kroch ich lautlos zentimeterweise zur Seite, schlich ins Treppenhaus, verließ das Haus ohne Luft zu holen, sprang ins Auto und fuhr wie ein Dieb in der Nacht davon. Es war das beste Foto, das ich niemals gemacht habe. Leider gibt es von Lars von Triers Ring ebenfalls kein Foto. Er verließ den Hügel Tage später genauso fluchtartig. 

Als ich mich als Neuankömmling im Festspielhaus bewegte, wunderte ich mich rasch über die verstreute Vielzahl von Ge- und Verbotsschildern, viele von Wolfgang Wagner persönlich verantwortet und gezeichnet. Auf teils skurrile Weise wurde hier geregelt, wie man sich auf und hinter der Bühne zu bewegen hat – und wie auf keinen Fall. So war es unvorstellbar, den Bühnenboden barfuss zu betreten. Die Verwaltung eines Mythos verlangt viele kleine, für sich genommen unscheinbare administrative Akte. Dazu trugen selbst die für manche liebenswürdigen, für manche vielleicht fragwürdigen Stempel aller Werknamen in Fraktur bei, mit denen alle Vorgänge im Fotolabor seit jeher buchstäblich den familiären Stempel aufgedruckt bekamen. So wurde selbst aus einem banalen DIN-A4-Blatt mit der nummerierten Übersicht aller belichteten Filmrollen für jede Produktion ein Passierschein in den Wagner-Kosmos.

Bühnenfoto zur Oper „Lohengrin“, Bayreuther Festspiele | Photo © Arve Dinda 

Wer, der auf diese Weise tagtäglich von der Wagner-Familie liebenswürdig aber bestimmt durch das Festspieluniversum geleitet wird, hätte sich noch gewundert, wäre das Tageshonorar aus geheim gehorteten Rheingoldreserven entrichtet worden? 

Die unschöne Kehrseite war, dass die Familie bei all dem bisweilen harsch Schranken senkte. Meine Abenteuerspielplatz-Momente auf dem Schnürboden, die mir einige der schönsten Motive für meine später in Hamburg gezeigte Ausstellung „Heaven – Fotografien aus dem Opernhimmel“ erbracht haben, etwa aus Wolfgang Wagners kraftstrotzender „Meistersinger“-Inszenierung aus dem Jahr 1996, fanden ein jähes Ende, sobald Gudrun Wagner diesmal durch einen nicht so konspirativ veranlagten, dafür hochloyalen Bühnenmitarbeiter von meinen kreativen Eskapaden erfuhr. Weil die Wagners natürlich papstgleiche Schlüsselgewalt im Himmel wie auf Erden haben, waren eines traurigen Tages schlichtweg die Schlösser zum Schnürboden ausgetauscht und mir damit manche künstlerischen Wege versperrt. Wer glaubt, sich – und sei es nur räumlich! – über die irdischen Wagners stellen zu dürfen, wird im Handumdrehen vom Himmel geholt!

Gudrun Wagner, die einige Jahre später fast unfassbar in genau jenem Moment den Tod fand, in dem im Stiftungsrat ihre schiere physische Existenz eine Übergabe der Festspielleitung an Katharina und Eva Wagner verhindert hätte, war vielleicht keine glückliche oder auf dem Grünen Hügel geliebte Frau, aber für den Fortbestand des Mythos nicht nur als Mutter und Gattin, sondern gerade auch als heimliche und unheimliche Herrscherin des Alltagslebens unerlässlich. Nicht die erste und sicher nicht die letzte Frau, die den Göttern in Bayreuth den Fortbestand sichert! „Was haben sie eigentlich hier auf der Bühne zu suchen, Frau Dinda?“, fegte sie mich einmal während einer Probe an, die zu fotografieren zu meinen Aufgaben gehörte. Zornschnaubend ging ich wortlos seitlich ab. Aber ihre schroffe Frage enthielt auch eine Offenbarung: Nur die Wagners sind in Bayreuth nicht Suchende. Sie sind da. Und ohne sie wäre nichts da.

Natürlich haben Regisseure solcherlei Bevormundungen weitaus schmerzlicher erfahren müssen. Aber Wolfgang Wagner scheute eben auch nicht davor zurück, ausgewiesene Provokateure auf den Hügel zu locken. Wahrscheinlich war er dann vor allem enttäuscht über sich selbst, wenn er erleben musste, dass diese genau das ablieferten, was man sich erwarten konnte. 

Im Jahr 2004 nahm ich während einer Parsifal-Probe neben ihm Platz. Wolfgang Wagners Gesicht war beim Blick auf das Bühnengeschehen zur Faust geballt: Christoph Schlingensief versuchte sich am Bühnenweihfestspiel Parsifal. Eine aufrüttelnde Inszenierung warf ihre Schatten voraus. Mehr als Schatten waren anfangs allerdings nicht zu sehen. Wagner drehte sich zu mir und flüsterte mir in mühsam beherrschter Tonlage zu: „Gehen sie doch einfach einen Kaffee trinken, Frau Dinda. Was wollen sie hier fotografieren? Man sieht ja nichts!“ 

Zu dieser Zeit hatte der Festspielfotograf eine Art optisches Monopol: Niemand sonst durfte Inszenierungen für die „Ewigkeit“ – nämlich für Annalen der Festspiele – festhalten. Schon einmal freilich hatte Wagner mir gedroht, eine in seinen Augen missratende Inszenierung ins orwellartige Gedankenloch zu verbannen: An Philippe Arlauds Tannhäuser störten ihn die nicht mythosgerechten Kostüme. „Dann erscheinen eben nur weiße Seiten!“ Ein Festspielbuch ohne Fotos? Natürlich gab es auch von dieser Inszenierung am Ende Bilder. 

Bühnenfoto zur Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“, Bayreuther Festspiele | Photo © Arve Dinda 

Zuvor wurde allerdings an den Kostümen aufwändig nachgebessert – und alles neu fotografiert. So erschien schließlich eine von Wolfgang Wagner autorisierte Auswahl von Motiven. Und wie jedes Jahr wurden sie in mehreren tag- und nachtgleichen Schichten Stunden vor der Premiere in das dann ebenso gründlich wie eilig produzierte Festspielbuch eingepflegt, das inzwischen leider abgeschafft ist. Ja, für Besucher und Werbekunden war es alles andere als praktisch. Aber es war eben mehr als eine übliche um den Besetzungszettel gewickelte Handreichung. Es war ein gültiger Band Familienchronik. Wolfgang Wagners Blick ruhte vor der Drucklegung auf jedem Motiv. Auch und gerade die bleibende Bildwelt schafft den Mythos. Man erinnert sich nicht wirklich ewig an Inszenierungen. Man erinnert sich irgendwann nur noch an die unbewegten Bilder der Inszenierung, so wie man sich nicht mehr an echte Szenen der Kindheit erinnert, sondern an einige wenige fotografierte Bilder aus der Kinderzeit – jedenfalls seit es eben Fotografie gibt. Daran ändern übrigens auch Opern-DVDs nichts. Bewegte Bilder brennen sich im Kopf nicht ein. Dazu rauscht das ganze Leben mit zu vielen Szenenwechseln an uns vorbei. Wolfgang Wagner würde heute aber jedes facebook-Posting der Festspiele überwachen. Mit Recht.  

Der Konflikt zwischen dem Festspielchef und Regisseur Schlingensief eskalierte jedoch immer wieder. Wolfgang Wagner spürte Schlingensiefs Leidenschaft, aber ihn erzürnte die hochorganisierte Respektlosigkeit dem Werk und seiner gängigen Rezeption gegenüber. Die routiniert aufgeschichteten vermeintlichen Müllhaufen nahm Wagner noch mit trockenem Schlucken hin. Aber dass sich Kundry zu Beginn des Dritten Aufzugs mit einem rückwärts aus einem Zelt geschobenen üppig wattierten und tiefdunkel kolorierten Hintern dem Festspielpublikum entgegenschob – ein beherztes evolutionstheorie-gestütztes Bild Schlingensiefs mitten an einem Ort früher breit getretenen Arierquarks – brachte den Patriarchen an den Rand. Die Schreiduelle der Alphatiere waren für alle anderen kaum auszuhalten. Sie waren so intensiv, wie es nur Familienkräche sein können. Mit jedem Schrei Wolfgang Wagners wurde Schlingensief also ein Stück mehr adoptiert. Alles mündete schließlich in unerklärte Friedensverhandlungen: Katarina – nominell Regieassistentin, aber andererseits auch Wagnerfamilienangehörige – vermittelte unablässig und schärfte zugleich ihr künstlerisches Profil. Schlingensief rüstete schließlich ab. Um des lieben Friedens willen? Oder räumte er einige nur aus taktischen Gründen eingebaute, aber eben verzichtbare Gimmicks und Provokationen mit leichter Hand von der Bühne? Der Film mit im rücklaufenden Zeitraffer wiedererstehenden verwesten Dürer-Hasen, den wiederum Dirigent Pierre Boulez sich und einigen anderen erklärtermaßen gerne erspart hätte, blieb jedenfalls und lebte in Endlosschleife, bis sich hinter Christoph Schlingensief zum letzten Mal der Vorhang des Festspielhauses schloss. Ob mit oder ohne die laute Tonspur der wütenden Enttäuschung und der lebhaften Zustimmung im Rücken, die wir alle irgendwann spüren mögen: Es war schon damals ein emblematisches Motiv. Die intensiven Monate in Bayreuth haben Christoph Schlingensiefs Leben leider beschleunigt. Und Wolfgang Wagners Leben vielleicht auch. Aber ihnen und mir und allen hinter, vor und auf der Bühne haben sie eine Ahnung davon beschert, was das Leben eigentlich ausmacht: Wir suchen ein Bild für unsere irdische Existenz. Alles weitere werden wir vielleicht danach erfahren. Wagners Bayreuth ist die Meisterwerkstatt für diese Arbeiten.

Nun darf man aber nicht in den Fehler verfallen, in Gudrun und Wolfgang Wagner feudale Absolutisten zu sehen, die sich zu gerne einmal im Jahr vom Zuschauervolk huldigen ließen und ansonsten mit der ordnungsfanatischen Mentalität extremistischer altdeutscher Kleingärtner ihr Nibelheim kommandierten und mit Genuss künstlerische Knospen abzwickten, damit die Bäume der verträumten Regisseure, liebesbedürftigen Sänger und diktatorischen Dirigenten nicht in den Himmel wachsen. Die Wagners sind ihrerseits selbstdisziplinierte Pflichtmenschen, denen ihre Lebensaufgabe samt präzisen Bewegungs- und Lautstärkevorgaben vorgeschrieben ist. Sie müssen nicht suchen, in der Tat, aber sie finden auch nur, was sie vorfanden. Fleißig und geduldig trug Wolfgang Wagner bis zuletzt die unabweisbare Verantwortung für Großes und Kleines wie ein gerngewonnenes Joch. Das allermeiste, das die alltägliche Festspielleitung ausmacht, ist glanzlos. 

Bühnenfoto zur Oper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf (der) Wartburg“, Bayreuther Festspiele | Photo © Arve Dinda 

Noch einmal bat er mich, neben ihm Platz zu nehmen. Ich tat es wie oft staunend – der Anlass war diesmal aber nicht der enigmatische Patriarch selbst, sondern das Sitzmöbel unter mir. Wolfgang Wagner hatte eine Reihe der legendären aber marternden Stühle im Zuschauerraum der Festspiele ausbauen lassen und drei oder vier kommodere Alternativmodelle schreinern und installieren lassen. Ein heikles Unterfangen, geht es dabei doch nicht nur um den Komfort: Mit einer um Millimeter abweichenden Lehnenneigung, dem Holz einer zwei Jahre zu jung gefällten Eiche oder gar einer Bepolsterung riskiert man natürlich zugleich den Sound of Bayreuth! Er saß, rutschte hin und her, stand auf, wechselte den Platz mit mir, blickte mich fragend an. Fast ohne ein Wort wurde auch diese Probe beendet. Die Prototypen verschwanden, die Marterstühle und der Mythos blieben.

 Portrait, Opernregisseur Wolfgang Wagner (1919-2010) | Photo © Arve Dinda

Man kann wahrlich nicht sagen, Wolfgang Wagner habe in den letzten Jahren die Dinge einfach ausgesessen, sieht man davon ab, dass er tatsächlich Jahre gewann, in denen seine Walküre wachsen und reifen konnte. Aber das Haus hielt er dabei technisch und künstlerisch in Schuss, auch wenn manches im Festspielhaus Patina ansetzte oder schließlich nur noch schrullig wirkte. Die Bühnentechnik jedenfalls funktionierte auch in meiner letzten Festspielsaison 2004 hervorragend, und wenn Jahre nach Wolfgangs Tod an manchen Stellen der Festspielhausfassade der Putz blätterte, gut sichtbar ausgerechnet vom Premierenteppich aus für die Merkels, Neumanns und Seehofers, und geschickt verbunden mit dem vernehmbar geäußerten Wunsch der neuen Festspielleitung nach erhöhten Zuschüssen von Bund und Freistaat, dann muss man hinter solchen und ähnlich ostentativ drapierten Mängeln wohl weniger den nagenden Zahn der Zeit vermuten, als vielmehr die vielseitig verwendbare Kunstfertigkeit der versierten Bühnenbildner, die gerne auch außerhalb der Festspielsaison Spezialeffekte austüfteln, die Gänsehaut erzeugen.

Jahre später, als mich eine ebenso simple wie plumpe Intrige, die Nebenfiguren in Wagner-Opern bisweilen erleiden, bereits längst vom Hügel vertrieben hatte, Jahre später war Wolfgang Wagner ein letztes Mal auf der Bühne des Festspielhauses zu erblicken. Er sah jedem einzelnen der Gäste seiner Trauerfeier auf für manche ungekannt gütige Weise in die Augen. Sein letztes autorisiertes Portrait schwebte riesig und schwarz-weiß über dem Orchester und den Rednern. Ich durfte nicht dort sein. Ich sah fern, erinnerte mich an die Blicke aus der Nähe und dachte mit tiefer Dankbarkeit über die Hinterköpfe der Geladenen hinweg und mit der tief empfundenen Gewissheit einer Portraitfotografin: „Wagner! Dieses Lächeln hast Du nur mir geschenkt!“

 


 

Photo © Arve Dinda 
Arve Dinda, in Halle an der Saale geboren und 1980 aus der DDR ausgereist, hat bei einem Hamburger Photographenmeister gelernt und sich neben Portraits und ihrer künstlerischen Arbeit auf Bühnenfotografie spezialisiert. Sie wirkte u.a. an den Bühnen in Hamburg, Stuttgart, Graz und Wien und war vier Jahre offizielle Festspielfotografin der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth.
Portraits und freie Arbeiten waren in Einzel- und Sammelausstellungen, u.a. in Berlin, Hamburg und München zu sehen.
Arve Dinda lebt in Hamburg und Mecklenburg.
www.arvedinda.de 
 
chahil

Andre chahil

Art & Critique | Interviews | Boulevard

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