Wien 1985: Phänomen FAX-ART. Beuys, Warhol und Higashiyama setzen dem Kalten Krieg ein Zeichen

VON ANDRÉ CHAHIL Photo © Eva Beuys, Wenzel Beuys: Recherche © JOSEPH BEUYS ESTATE

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WIEN | 12. Januar, 1985, 12:00h. 

Mitten in der Atem anhaltenden Anspannung des Kalten Krieges machte – mittels damaliger moderner Fernmeldetechnik – ein FAX im Zeichen des Friedens eine Reise um den Globus. Joseph Beuys zeichnete seinen Anteil in seinem Atelier in Düsseldorf und sendete dieses Fax weiter nach New York zu Andy Warhol. Nach Beendigung dessen Anteils wurde das Fax nach Tokyo zu dem Künstler Kaii Higashiyama weitergeleitet. Das Ergebnis mit Zeichnungen aller drei Beteiligten, anmutend in einer Art eines digitalen Triptychons, ist schlussendlich im Museum Moderner Kunst, im Wiener Palais-Liechtenstein, empfangen worden. Die interkontinentale Reise der Übermittlung dauerte insgesamt 32 Minuten. Zahlreich anwesende Gäste waren Zeitzeuge dieser Aktion, mit dem Titel: „Global-Art-Fusion“.

Global-Art-Fusion
Global-Art-Fusion Fax, 1985: Beuys – Warhol – Higashiyama | Archiv © Chahil Art Consulting

IM SUJET

Joseph Beuys (Fax, links) wählte für die Aktion seine Arbeit „Der Stein der Weisen“, eine Zeichnung, die auf den ersten Blick schwer zu entziffern scheint. Zu sehen ist ein nackter Mensch, eine zarte, gleichsam schwebende Gestalt in einer Haltung, die nicht von der Hybris kriegslustiger Mächte, sondern von Behutsamkeit, geradezu einer Demut spricht. Verletzlich und schutzlos in ihrer Nacktheit, stellt die figürliche Darstellung das Gegenteil kriegerischer Panzerung und Rüstung dar. In Offenheit und Bereitschaft für Berührung und Kommunikation. Andy Warhol (Fax, Mitte) zeichnete ein in der Formensprache des Pop-Art, markantes Peace-Zeichen. Ein Symbol des Friedens, welches seit den 1950er Jahren bis hin zu Sinnverlust und Banalität verwendet und strapaziert wurde. Dennoch hat es seine Gültigkeit beibehalten. Ein Symbol, welches weltweit über alle Grenzen hinaus identifiziert und wie ein Piktogramm wortlos verstanden wird. Kaii Higashiyama (Fax, rechts) zeichnete zwei kleine, zarte Pflanzen als Symbol für seine Friedensbotschaft und fügte in japanischer Sprache diesen Satz hinzu: >> Sogar ein Unkraut besitzt das kostbare Geschenk des Lebens. << Damit ist in wenigen, einfachen Worten die ganze Abwehr gegenüber der grausamen Idee eines Krieges und der menschlichen Gewalt gegen gottgegebenes Leben ausgedrückt. In 32 Minuten hätte auch mit diesem Kommunikationsgerät der atomare Krieg erklärt werden können.0

DOKUMENTATION | ARCHIV 

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>> Zudem ist es von grösster Wichtigkeit, positive Nutzungsmöglichkeiten technischer Errungenschaften aufzuzeigen, ohne ihre inhärenten Gefahren zu übersehen oder zu vertuschen. Dies gilt in besonderem Maße für ein Gerät wie dem Telefax: Im Ernstfall stellt er die moderne Version des berühmten Roten Telefons zwischen Ost und West dar. <<

Zitat, aus: Global-Art-Fusion, Katalog | Hrsg. U. Fuchser, E. Graber | Bern, 1986, S. 16
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© by Ueli Fuchser
Photo © Ueli Fuchser

 

Initiator und Organisator jener Zeit für das Projekt Global-Art-Fusion ist der Konzeptkünstler Ueli Fuchser aus Bern/Schweiz, der die drei Künstler für dieses einzigartige Fax im Jahre 1984 überzeugen konnte. Exponate dieser Kunstaktion sind in den Sammlungen des Tokio National Museum, National Gallery of Scotland, der Fondazione Bonotto und im Museum für Moderne Kunst in Wien vorhanden. Weitere Arbeiten führten Fuchser zu Kooperationen u.a. mit Richard Serra, Christo, Niki de Saint Phalle und HA Schult.

NOTA BENE

Das Phänomen Fax-Art darf man als eine erweiterte Form der Mail-Art verstehen. Es bildet förmlich die Brücke des analogen Schriftverkehrs der Mail-Art und die der später durch das Internet aufkommenden Form des Net-Art. Das diese erst durch ein Netzwerk und durch Interaktion Leben eingehaucht bekommen, ist ihr gemeinsamer Nenner. Darüber hinaus verwenden einige Künstler seit Ende der 1970er Jahre im Bereich der Copy-Art das Fax als Produktionsgerät ihrer Werke ohne etwas zu versenden.

Bereits ein Jahrzehnt zuvor sandten die Künstler Robert Rehfeldt (ehem. DDR) und Joseph Beuys (Westdeutschland) sich Botschaften und Zeichnungen auf Postkarten und in Briefen zu, die sie in ergänzender Weise an den Absender zurückschickten. Das Phänomen Mail-Art selbst ist ein Konstrukt, welches bereits seit den 1970er Jahren in den U.S.A. auftrat. Diese Kunst- und Verständigungsform verstand sich häufig als soziales und politisches Medium beim Widerstand in den von Diktaturen beherrschten Ländern Osteuropas und Lateinamerikas.

Die Global-Art-Fusion von 1985 nimmt, sowohl inhaltlich als auch in ihrer Umsetzung, eine Vorreiterposition in technikbasierter Netzwerkunst vor dem Zeitalter des gängigen Internets ein. Diese Aktion verband drei bedeutende und einflussreiche Künstler des 20. Jahrhunderts interkontinental über die Grenzen des Kalten Krieges hinweg. Dies gilt insbesondere in der Tradition zu Joseph Beuys im Kontext eines erweiterten Kunstbegriffes der Sozialen Plastik.


JOSEPH BEUYS in Bild und Ton der Global-Art-Fusion. Beitrag aus „Zeit im Bild“ ORF 1985.
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Andre chahil

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