WARHOL IN DER MILCHSTRAßE. Gunter Sachs Ausstellung in Hamburg, 1972.

VON ANDRÉ CHAHIL Photo © Chronos Media „Spirit of Hamburg, Episode 5“ – Konstantin von zur Mühlen. Dieser Artikel wird nach dem aktuellen Forschungsstand aktualisiert. Version: 02 | 2019

Prolog

Es ist diese eine kleine Straße. Sie misst nur wenige hundert Meter in der Länge und verbindet in Hamburg den endlos langen Mittelweg mit der Wiese der Außenalster. Sie liegt im Stadtteil Harvestehude, genauer gesagt in Pöseldorf. Der Begriff „Pöseln“ beschreibt ursprünglich ein Tun, ohne dass etwas wirklich geschaffen wird. Hamburger Spaziergänger sollen angeblich diesen Begriff im 18. Jahrhundert den Anwohnern zuerteilt haben, als sie diese an Sonntagen bei Gartenarbeiten beobachteten. Heutzutage versteht man unter dem Begriff Pöseldorf eher ein Lebensgefühl als einen geographischen Ort in der Hansestadt.

In Hamburgs Milchstraße kann man zwischen den schönen Villen edle Boutiquen besuchen, erstklassige Antiquitäten erwerben, sich kulinarisch verwöhnen lassen und in Bars und Kneipen ausgehen – dieses manchmal sogar bis in den späten Nachmittag eines darauf folgenden Tages. Die Modedesignerin Jil Sander hat hier ihre Wurzeln geschlagen und Enrico Caruso hatte hier, vor gut einem Jahrhundert, in dem Gebäude der heutigen Hochschule für Musik und Theater in privatem Rahmen einen Auftritt. Seit meiner frühesten Kindheit kenne ich die Milchstraße, habe Gastronomen kommen und gehen sehen und verweilte manchmal für Stunden in einer kleinen, schönen Weinbar, die leider nicht mehr existiert. Die dort ansässige Galeristin Anne Moerchen berichtete mir, was sich 1972 in einem Fachwerkhaus hinter dieser Weinbar abgespielt habe: Gunter Sachs stellte Andy Warhol aus . . . und kein einziges Werk wurde verkauft!

Milchstraße 28, der 6. Oktober 1972

An diesem Tag eröffnet in der „Galerie an der Milchstrasse“ die Andy Warhol Ausstellung von Gunter Sachs. Es ist die Hausnummer 28 in einem Hinterhof, eingebettet in Fachwerkromantik (exakte Lokalisierung: Milchstraße 28 / 20148 Hamburg / Hinterhof, rechte Seite des Gebäudes / 1. Etage). Es ist die erste Ausstellung in Hamburg, des im Jahre 2011 verstorbenen Industrieerben, Playboys, Unternehmers, erfolgreichen Fotografen und ehemaligem Ehemann von Brigitte Bardot. Sachs ließ eigens zur Vernissage Andy Warhol nach Hamburg einfliegen. Beide waren mittlerweile sehr gut befreundet und Warhol fertigte auch Graphiken mit Sachs Profil an. Der Philantroph war zu jener Zeit schon als Sammler und Kunstförderer bekannt. In selbigem Jahr war ein von ihm geplantes und initiiertes Museum für Moderne Kunst in München an den Hürden der Bürokratie gescheitert.  

Es sollen sich fast 200 Gäste auf insgesamt 200 Quadratmetern Ausstellungsfläche eingefunden haben. Zweihundert war auch die Anzahl der Flaschen feinen Riesling-Sektes, die an diesem Abend verköstigt worden sind. Warhol war anwesend und abwesend zugleich: er blieb meist sehr im Hintergrund des eher konservativen Kunstpublikums, wirkte skurril und soll etwas – mit blassem Gesicht – vor sich hingemurmelt und sich zur gleichen Zeit hinter einer Kamera versteckt haben, mit der er das Geschehen festhielt. Inwieweit die damalige Hamburger Kunstszene Warhols Pop-Art verstanden und akzeptiert hat, sei ungeklärt. Doch auch Tage nach der Vernissage, wurde in Warhols ersten Ausstellung auf europäischen Boden, letztendlich kein einziges Werk verkauft.

 

>> Es hat irgendwie einen Dorfcharakter und es belebt und man sieht eine Gemüsefrau und schöne Mädchen und ist eben Leben (…) Hamburg, weil ich finde, dass Hamburg zu wenig gute Galerien hat (…) und das muss ich auch noch eingestehen, weil ich Hamburg sehr schön finde als Stadt (…) Ich pfeife drauf, ob die Leute bei mir kaufen oder nicht. Was ich an diesen Ausstellungen verdiene, reicht bestenfalls für die Reinmachefrau. Worauf es mir ankommt? Den Künstlern, die ich für gut halte, eine Chance zu geben (…) Ladies and gentlemen, I am most honoured to welcome you here and also Andy Warhol whom I consider to be the greatest artist of our time. <<
(Gunter Sachs, Zitate aus den Jahren 1972 1973)

 

Um seinen Künstlerfreund nicht zu enttäuschen, soll Sachs nach Ende der Ausstellung durch die Galerieräume gegangen sein und bei jedem dritten Bild einen kleinen Aufkleber hinterlassen haben. Er hatte sie somit selbst erworben und berichtete Warhol von einem erfolgreichen Verkauf seiner Werke. Diese Praktik vollzog er auch bei weiteren Künstlern. Die Galerie währte unter der Leitung der renommierten Fotografin Angelika Platen, mit monatlich wechselnden Ausstellungen, insgesamt zweieinhalb Jahre. Neben Warhol, stellte Sachs u.a. Cy Twombly, Joseph Beuys, Daniel Spoerri und Ben Vautier aus. Unter anderem erwarb Sachs bei dieser Gelegenheit Andy Warhols Graphik-Gemälde „Superman“ für 20.000 DM. Im Jahre 2004 verkaufte er es bei einer Auktion und erhielt dafür das Tausendfache. Heute entspräche es einer Summe von mehr als 10 Millionen Euro! Der Kunstliebhaber erwähnte in späteren Lebensjahren, dass die in der Milchstraße gekauften Warhols zu seinen besten Investitionen gezählt haben. In den Jahren 2014 bis 2019 betrieb die Galeristin Ewa Helena Martin im Gebäude der No. 28 ebenfalls eine Galerie und führte den Gedanken Gunter Sachs, Kunst zu fördern und Kulturarbeit zu leisten, fort. 

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Andre chahil

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